Werden Sie Slobby"Slobbies" predigen die Abkehr vom Tempowahn - und ruhen sich dennoch nicht auf ihren Erfolgen aus.Von Felix Strzelczyk * |
(Druck, Hektik, Wettbewerb, Termine, Zeitnot - für erfolgreiche Führungskräfte und Verkäufer gehört all dies zum Tagesgeschäft. Das Firmenfahrzeug nachzutanken, es termingerecht in die Inspektion zu bringen, daran wird rechtzeitig gedacht. Seltener denken wir aber daran, unsere Energiequellen mit neuer Nahrung zu versorgen und die Leistungsfähigkeit zu erhalten. Dabei ist der intelligente Umgang mit den eigenen Kraftreserven eine elementare Voraussetzung für persönlichen und beruflichen Erfolg. Vor allem im Umgang mit Kunden und Partnern: Ständig im Stress und überbeschäftigt zu sein, mag als Zeichen für Erfolg und Wichtigkeit gelten. Kunden aber haben kein Verständnis, wenn ihr Gesprächspartner müde, abgespannt und gereizt wirkt. Nur wer seinen eigenen Kräftehaushalt im Griff hat, kann im Umgang mit Kunden, Mitarbeitern und Kollegen erfolgreich sein. Die gute Nachricht: Diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch. Seit das Strohfeuer der New Economy nahezu erloschen ist, gilt Langsamkeit als hohe Kunst des Managements. |
Tief Luft holenBemerkenswert und fast paradox: Ausgerechnet das Kult-Magazin für die New Economy in den USA, "Fast Company" - nomen est omen -, widmet sich neuerdings vermehrt der Aufgabe, dem Tempowahn des Hyper-Business den Garaus zu machen. Die verantwortlichen Köpfe bei den Startups scheinen nach der Dotcom-Krise tief Luft zu holen und sich Zeit zum Sammeln zu geben: "Chill out - Erhole Dich" lautet die Devise, ausgegeben etwa vom Managementberater und Erfolgsautor Seth Godin.Nicht, dass es nichts zu tun gäbe. Je größer die Krise, desto größer die Aufgaben. Aber die Summe der investierten Arbeit, so Godins Erkenntnis, steht in keiner direkten Korrelation zum Ergebnis. Viel Arbeit heißt nicht unbedingt viel Erfolg. Das wird deutlich, wenn man den Umkehrschluss zieht. Faulheit zählt gewiss nicht zu den Ursachen der Talfahrt. |
Zwang zur ErreichbarkeitEine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Internationalen Arbeitsamts (ILO) hat ergeben, dass mehr als 37 Millionen Menschen in Europa an beschäftigungsbedingter Depression leiden. Die Gründe: ausuferndes Sitzungswesen, Mobilfunkmanie und der daraus hervorgehende Zwang zur ständigen Erreichbarkeit.Für die Arbeitsmediziner ist vor allem ein Faktor gravierend: die neue Zeitrechnung, das so genannte Web-Jahr. Im Internetzeitalter mit täglichen E-Mails und überfüllten elektronischen Postfächern entspreche das den Experten zufolge der Belastung von drei "traditionellen" Arbeitsjahren. Wer seine eigenen Ressourcen auf das Web-Jahr einstellen will, muss indes nicht schneller und mehr arbeiten, sondern besser mit seinen Kräften haushalten. Das heißt, die eigenen Reserven bewusst einteilen und nutzen. |
Neues ZeitbewusstseinDieses neue Zeitbewusstsein startet stets mit einer selbstkritischen Frage: Ist der persönliche Zeitstress nicht im Wesentlichen hausgemacht? Würden unsere Kunden wirklich darunter leiden, wenn wir das Arbeitspensum herunterfahren? Oder täuschen wir uns selbst, wenn wir stets von Meeting zu Meeting hetzen, weil das Bekenntnis, nicht unter Zeitdruck zu stehen, uncool wäre?"Wer immer schneller zu laufen versucht, ist deswegen noch lange nicht da, wo er hin will", stellt Management-Guru Stephen Covey augenzwinkernd fest. Wenn wir so schnell laufen - vor wem laufen wir davon? Vor den Kunden oder vor uns selbst? Bereits vor gut zwölf Jahren haben Zeitforscher in einer Reihe von Interviews mit Managern festgestellt, dass die Befragten sich vor übergeordneten Themen nur zu gern drückten. Wer von Termin zu Termin hetzen muss, hat keine Zeit für die oftmals schmerzvolle Frage, ob derlei hektische Aktivität wirklich sinnvoll, zielführend und notwendig ist. Es geht aber auch anders. In den USA hat sich längst ein neues Managementverständnis entwickelt. Dessen Anhänger haben sich bereits einen Namen gegeben: Slobbies. Die Abkürzung steht für "Slowly but better working people" - zu Deutsch: langsamer, aber besser arbeitende Menschen. Slobbies versuchen, der Langsamkeit produktive und kreative Seiten abzugewinnen, und stehen dazu, wenn der Filofax- oder Palm-Timer einmal nicht vor Terminen überquillt. |
Geduld führt oft zu ErfolgDie Anzahl der Slobbies wächst - langsam, aber sicher. Man sollte sie daher ernst nehmen. Vor allem deshalb, weil sie nicht nur Führungskräfte und Manager sind, sondern in vielen Fällen auch Kunden: langwierige Entscheider, die ihr Geld gezielt und bewusst einsetzen. Schon allein um diesen neuen Kundenanforderungen gerecht zu werden, gilt es sich in Zukunft mehr Zeit zu nehmen. Die Kunden erwarten das, und das eigene Wohlbefinden bedankt sich.Die eigene Karriere muss sich durch das langsamere Tempo indes nicht entschleunigen: Oft sind geduldige Mitarbeiter die kreativeren und lustbetonteren und auf lange Sicht erfolgreicheren Menschen. Und bei der Kundenbetreuung haben sie ihren gehetzten Kollegen einiges voraus: Je öfter sich die Geschäftsprozesse auf den Computer und ins Internet verlagern, je mehr Informationen auf uns täglich einströmen, desto mehr wünschen sich unsere Kunden persönliche Ansprache, Verständnis, Ehrlichkeit und Authentizität. Geschäfte lassen sich womöglich im Schnellverfahren anbahnen, wirkliche Kundenbindung dagegen erfordert schlicht und ergreifend Zeit. Und die muss man sich nehmen. |
Das eigene Tempo findenBleibt die Frage, wie man Slobbie wird. Dazu reichen der Kauf eines der beliebten Zeitplaner und der ehrliche Vorsatz, sich mehr Zeit für Freizeit und Familie zu nehmen, nicht aus. Workoholics erkennt man nicht zuletzt an ihrem chronisch schlechten Gewissen, irgendetwas oder irgendjemand zu vernachlässigen. Vielmehr gilt es, den eigenen Rhythmus und das eigene Tempo zu finden. Wie viel Stress brauchen Sie, und ab wann beeinträchtigt er die Ergebnisse?Das herauszufinden, ist nicht so leicht, weil wir stets das Gefühl haben, fremdbestimmt zu sein: Termine stehen fest, Meetings sind anberaumt, Arbeiten müssen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt sein. Der gehobene Zeigefinger der beliebten Zeitmanagement-Berater - "Erfolgreiche Menschen machen nicht die Dinge richtig, sondern die richtigen Dinge" - mag im Kern stimmen, in der konkreten Stresssituation hilft er aber wenig. Es geht auch nicht darum, - wie ein weiteres beliebtes Rezept erfolgreicher Berater lautet - möglichst viel zu delegieren und nur noch Sinnvolles zu tun. Auch das im Zweifelsfall eher unwichtige Blättern durch den Poststapel erfüllt seinen Zweck, wenn es Spaß macht und entspannt. Niemand kann acht Stunden am Stück hoch konzentriert arbeiten. Slobbies haben mit den Effektivitätsmaximen und Rationalisierungsmethoden der Zeitmanagement-Verfechter wenig gemeinsam. Es ist gar nicht ihr Ziel, den berüchtigten "Zeitdieben" - Meetings, Telefonate, Smalltalk - den Garaus zu machen. Denn was hilft die größte Zeitersparnis, wenn die Lebensqualität und die Lust an der Arbeit sinken? Das Erfolgsgeheimnis der Slobbies ist viel simpler: "Wenn man weiß, was man tut, kann man tun, was man will" (Moshé Feldenkrais). Und das ist auch die einzige Regel, die es zu beachten gilt. Auf einmal eine Vollbremsung zu vollführen und die wichtigsten Kundentermine abzusagen, wäre ebenso falsch, wie sich mit täglichen Motivations- und Zeitsparmaximen unter Druck zu setzen. Wenn man Spaß daran hat, spricht nichts dagegen, zwölf Stunden täglich zu arbeiten. Allerdings sollte es sich herumgesprochen haben, dass sich die meisten Probleme nicht mit der Erhöhung der Taktzahl lösen lassen - auch dies eine Erkenntnis vieler Startup-Manager von einst, die inzwischen die Abkehr vom Tempowahn predigen und heute als Slobbie in ruhigerem Fahrwasser rudern. |
Felix Strzelczyk ist Consultant bei der Unternehmensberatung Cegos. |
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